
Der Engel in der Aareschlucht
Rita Graber Biel-Moser
Morgen Dienstag, 21. Juli 1998 werden wir uns alle nochmals versammeln um unser Mueti für immer zu verabschieden. Nein, eigentlich bin ich überzeugt, dass wir uns auf der andern Seite in einer andern Form wieder sehen werden. Die andere Seite und die andere Form hat mich seit Werners Tod nie mehr ganz losgelassen. Immer war ich bereit, mehr darüber zu erfahren, zu wissen oder zu erkennen. Manches wurde für mich zur Überzeugung, manche ‘Erkenntnis’ kann ich als Möglichkeit im Raum stehen lassen. Wirklich wissen, werden wir erst dann. Ich habe einige Bücher von Elisabeth Kübler-Ross gelesen und unter anderen das Buch über die Nahtoderfahrungen, die R.A. Moody gesammelt hat. Vor vierzehn Tagen, als ich das letzte Mal im Rotacher auf Besuch war, brachte ich ihr meinen Reisebericht, den ich von der Ferienwoche mit Edith in Mallorca gemacht habe mit. Ich traf die Mutter im Gang am Tisch sitzend und ein Heftli lesend an. Ich war so glücklich, denn nun würde sie doch gewiss meinen Bericht auch noch lesen können. So selbstverständlich war dies schon nicht mehr, hatte ich sie doch vor den Ferien so müde im Bett liegend angetroffen, dass sie kaum die Augen aufbrachte. Lange sass ich dort an ihrem Bett und in einer grossen Traurigkeit wurde mir bewusst, das ich sie vielleicht das letzte mal lebend sehe. Im Abschiedsschmerz musste ich leise weinen, als sie plötzlich ihre hellen blauen Augen erschrocken aufmachte, mit dem Zeigefinger müde gegen mein Gesicht deutete und sagte: „Muesch nid brüele“.
Nachdem ich die Mutter das letztemal im Stübli mit dem Rollstuhl an den Tisch geschoben und ihr eben den Mallorcabericht zu lesen hingelegt und mich verabschiedet hatte, fuhr ich im Glattzentrum ins Parkhaus um noch etwas zu stöbern. Ich brauchte noch ein Paar Flatterhosen mit möglichst wenig Gewicht für meine Sommerwanderung. Mit der Vorstellung, vielleicht noch etwas geeignetes zum Lesen für die Mutter zu finden, sah ich mich in jenem grossen Buchladen lange um. Am Schluss landete ich wieder einmal in der Abteilung Esoterik. Das Totenbuch der Tibeter kam mir in die Hände. In den Büchern, die ich über den Tod gelesen hatte kam dieses auch manchmal zur Sprache und da es eine Taschenbuchausgabe war, entschied ich mich dafür. Auch verschiedene Bücher von Engeln nahm ich in die Hände. Eigentlich konnte ich mir nicht so recht vorstellen, was man über Engel schreiben könnte. An Engel zu glauben schien mir eher für kleine Kinder richtig. Aber Engel zu beschreiben mit Flügeln oder wie man immer sie sich vorstellen soll, finde ich etwas abstrus. Oder gibt es sie doch in irgend einer Gestalt, welche wir mit unseren Augen einfach nicht sehen können? Sind die Gestorbenen in irgend einer Form bei uns und schauen zu uns dass es uns gut geht? Eigentlich bin ich davon überzeugt seit Werner gestorben ist. Ich werde dieses wundersame Gefühl nie vergessen, welches mich am Samstag nach Werners Tod plötzlich überflutete und durchdrang, als ich in meiner Traurigkeit am Fenster stand und eigentlich ganz leer war. Es war ein Gefühl von tiefer Ruhe und Frieden. Und eine Frage war plötzlich in mir: Spürst du dieses Gefühl? Das bis du selber und es ist etwas sehr Wertvolles. Ich nahm es an als ein Zeichen von Werner, der nun eben vielleicht in einer andern Form mir etwas klarmachen konnte, was er oft probiert und nie geschafft hatte: Ich bin nicht minderwertig. In mir und in jedem von uns ist etwas Heiliges, etwas Göttliches und das sollten wir nicht einfach negieren. Dieses Erlebnis hat mir geholfen, den Schmerz besser zu ertragen, und nicht allzusehr Mitleid mit mir selber zu haben. Ich fühlte mich eigentlich nie allein.
Es sind etwa zwei Jahre seit an einem Nefu-Abend Ruth Singer ihre Arbeit als LOMI LOMI Masseurin vorgestellt hat. Wahrscheinlich hat sie mir dort einen solcherart sympathischen Eindruck gemacht, dass ich etwa ein halbes Jahr später am NEFU-Jahrestreff so spontan auf sie zuging und sie mit Sali begrüsste. Erst dann wurde mir bewusst, dass ich mit ihr ja gar nicht per Du bin. Aber sie hat das so spontan und freudig begrüsst, wie wenn wir wirklich alte Freunde wären. Im Mai dieses Jahres war ich dann auch für einen Tag mit ihr zusammen an der REGIO-Messe in Lörrach, wo sie für das Synergie-Zentrum, wo sie ihre Praxis hat, Werbung machen konnte. Dort stellte ich fest, dass sie nicht nur gleich alt ist wie ich, sondern auch sonst noch ähnliche Vorlieben und Wesensarten hat wie ich. Auf ihrem Werbeprospekt steht übrigens der Spruch: ‘Liebe ist das Einzige, was nicht weniger wird, wenn wir es verschwenden’. Und wir haben noch darüber diskutiert, dass es noch besser wäre, wenn es hiesse: Liebe ist das Einzige, was mehr wird, je mehr wir es verschwenden.
Irgendwer hat irgendwann diesen Spruch der Mutter an ihre Pinwand gehängt. Dort heisst es allerdings nicht verschwenden, sondern verschenken.
Das nächste mal trafen wir uns im Mai am NEFU-Jahrestreffen. Ich habe mich dort mit ihr unterhalten, als sie mich nebenbei fragte, ob mein Mann gross und dunkel gewesen sei. Wobei gross auch grossherzig und sehr liebenswürdig gemeint sein könnte. Ich musste ihr bestätigen, dass ich mich bei ihm immer sehr geborgen gefühlt hätte und dass mich eigentlich dieses Gefühl nicht verlassen habe. Sie sagte mir, dass er schon wohlwollend in meiner Nähe sei. Ich getraute mich nicht, sie näher auszufragen. Aber der Gedanke, wie sich das nun mit den Engeln oder wie immer man sagen sollte, verhalte, liess mich nicht wieder los.
Darum kaufte ich fast gwunderhalber neben dem Totenbuch der Tibeter auch das Buch ‘Warum Engel fliegen können’. Und es wurde meine Ferienlektüre in Davos. Meine Skepsis, dem Buch gegenüber hat sich nicht gelegt. Wohl kann ich daraus einiges absolut akzeptieren, wie zum Beispiel, dass sich die Seele, wenn sie zurückkehrt, sich wieder vereinigt mit dem Schöpfer, der im ganzen Universum, in allen Dingen innewohnt. Und dass wir auf diese Weise von unseren Verstorbenen Teile für uns beanspruchen können. Das Buch fordert einem auch heraus, den Beistand der Engel im täglichen Leben einfach zu erwarten. Diese Göttlichen Wesen würden nämlich nur darauf warten, dass wir ihre Hilfe und Handreichungen annehmen wollen. Wobei wir für unser Tun schlussendlich immer noch selber verantwortlich blieben, da uns unser freier Wille gegeben ist. Dabei wird auch noch genau beschrieben, welcher Engel (mit Namen) oder welche Engelgruppe für welche Situationen zuständig seien. Hier habe ich mehr Mühe. Woher wollen die das wissen?
Die vier Tage, die ich in Davos verbrachte, sollten mir ein bisschen Training und Höhenakklimatisation sein für meine diesjährige Sommerwanderung, die am Sonntag beginnen sollte. Da das Wetter am Freitag nicht vielvesprechend war, fuhr ich schon am Mittag ab, um Zuhause noch den Rucksack für die Wanderung zu packen. So hatte ich bereits alles parat und es blieb mir der Samstagnachmittag frei. Diesen wollte ich nun benutzen, um der Mutter noch einen Besuch abzustatten. Ich hatte ihr in Davos eine feine, leichte Switcher-Hose und eine passende Bluse dazu erstanden. Gerade war ich am versorgen der Nähmaschine, da ich die Bünde nun doch nicht abschneiden wollte, als das Telefon von Peter kam. Vom Rotacher habe er schon am Dienstag besorgten Bericht erhalten, dass es der Mutter recht schlecht ginge. Nach den Besuchen von Alice und Regula zu schliessen, sei es aber doch wieder besser. Man könne das ganze aber doch nicht gut werten. Vielleicht sei alles nur wieder ein Sturm im Wasserglas, nicht zuletzt weil niemand von uns zu erreichen gewesen sei. Durch einen unglücklichen Umstand, wurde Alices Telefon in den Lampitzäckern abgehängt und die Stimme meldete, dass diese Nummer nicht mehr in Betrieb sei. Ich selber schalte den Telefonbeantworter nie ein während ich in den Ferien bin und Irene ist ja auch den ganzen Tag auswärts engagiert.
So traf ich gegen drei Uhr im Rotacher ein. Regula war gerade vor der Tür mit einer Schwester im Gespräch verwickelt, als ich ankam. Regula erklärte, dass es heute wirklich nicht gut gehe und dass man jetzt gerade daran sei, die Mutter auf ein Wasserbett zu betten. Die Schwester war eben im Begriff, diverse Angaben in eine Liste einzutragen. „Wir müssten hier noch Angaben haben, ob Ihre Mutter Wünsche betreffend der Bestattungsart geäussert hat, ob eine Erdbestattung oder Kremation in Frage kommt“ war so ziemlich das Erste, was mir an den Kopf geworfen wurde, noch bevor ich eingetreten war und nach der Mutter gesehen hatte.
Still schlafend traf ich sie an. Regula probierte sie aufzuwecken oder vielleicht auch nur ihr mitzuteilen, dass Rita gekommen sei. Ich begrüsste sie und wusste nicht, ob sie mich wohl hörte. Das letzte mal, als sie so müde war, hatte sie doch noch zwar mit grosser Mühe ihre Augen kurz aufgemacht, aber diesmal stellte ich keine Reaktion fest. Ich kam mir so hilflos vor. Vielleicht konnte ich ihr mit meinen guten Gedanken ein bisschen helfen. Ihr die Hand halten, um ihr zu spüren zu geben, dass ich da war. Ich beschloss, bis zum späten Abend da zu bleiben.
Regula musste noch etwas besorgen und verabschiedete sich. Aber sie wollte später wieder kommen und die Nacht über hier bleiben. Das sah alles so beängstigend ernst aus. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Das letzte mal war die Mutter ja auch vierzehn Tage später wieder am lesen! Warum musste die Schwester auch über das Begräbnis reden! Sie hatte damit Regula total aufgescheucht, dass sie ganz aufgelöst heim ging. Bald klopfte es leise und Peter trat ein. Als Sonja mit dem Auto nach Hause gekommen war, machte er sich gerade auf den Weg hierher. Auch Sonja liess gerade alles stehen und setzte sich auf ihr Moped.
Spürte die Mutter wohl, wer ihr die Hand drückte. Hörte Sie, was wir ihr sagten? Wir meinten, einen leichten Gegendruck ihrer Hand zu spüren. Sie lag da, sorgfältig gebettet und atmete durch den leicht geöffneten Mund. Der heissen Hand nach zu schliessen musste sie leicht Fieber haben. Ich stellte mir vor, dass sie sicher einen ausgedörrten Mund haben müsse und probierte mit einem Stäbchen, welches an einem Ende mit einem kleinen Stück Schaumgummi versehen war, ihr etwas Tee in den Mund zu träufeln. Aber sie schluckte nicht. Die Flüssigkeit sammelte sich in ihren Mundwinkeln und floss langsam wieder über das Kinn hinunter.
Später kam Regula wieder. Sie wollte ihre Nachtwache antreten. Sie hatte das Bedürfnis das zu tun. Vielleicht meinte sie, dass sie seinerzeit zu wenig hat tun können für ihre Mutter. Die Kinder waren da ja noch klein. Sie hat ihre Mutter aber doch bei sich zu Hause aufgenommen. Vielleicht eine Woche. Sie hätte am Montag ins Heim eintreten können. Aber zwei Tage vorher ist sie gestorben. Bei Regula zu Hause. Ich meine, sie hat für ihre Mutter nicht zuwenig getan.
Die Sonne stand tief am Himmel. Das hätte während der ganzen Heimfahrt sehr geblendet. So sass ich noch eine ganze Weile zusammen mit Regula am Bett. Miteinander probierten wir, ob die Mutter nicht doch etwas trinken würde. Wir stellten das Kopfende steil und hielten ihr das Glas an die Lippen. Aber diese Entschlossenheit, mit welcher der vorher immer geöffnete Mund zuging, erstaunte uns. Das hiess so eindeutig Nein!
Nun war die Sonne verschwunden und ich wollte mich auf den Weg machen. Zusammen mit Regula stand ich am Fussende des Bettes und schaute die Mutter noch ein letztes mal an. Da öffnete sie ihre Augen plötzlich und gross und fast verwundert schaute sie uns an. Es war nicht ein Erkennen in diesen grossen Augen. Was sah sie wohl? Ich hatte das Gefühl, als ob sie etwas anderes oder jemand anders dort am Bettende stehen sah. Ob wohl ein Engel vor oder hinter uns stand? Sah sie vielleicht auch, was Ruth sah? Ich schickte ihr nochmals eine Kusshand zu und leise schlossen sich ihre Augen wieder.
Regula munterte mich auf, ich solle doch nur morgen auf meine Tour. Sie hätten ja auf alle Fälle jede Nummer von jeder Unterkunft, wo ich zu erreichen war. Was sollte ich nur tun? Stand es wirklich jetzt so ernst um die Mutter. Ich wollte es einfach nicht wahr haben. Jedenfalls hatte ich der Schwester die Bluse und Hose übergeben, damit sie die Mutter wenn es besser ging anprobieren könne.
Die Nacht war ruhig und niemand hatte an meine Bettstatt gepoltert. Irgendwie machte ich mich fast darauf gefasst. Die Mutter hatte erzählt, dass in ihrer Familie nahe Verwandte ihren Tod durch klopfen an der Bettstatt der Angehörigen angekündigt hätten. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ihre Mutter ihr dannzumal auch ‘knütschet’ hat. Was sollte ich machen? Der Rucksack war fertig gepackt. Ich nahm die Bibel zur Hand. Die Bibel vom Schwiegervater Biel. Es hat dort drin manche Zeichen im Text, von welchen er wohl manche seiner Predigten erarbeitet hat. Ich schlug einfach auf. Ein Gebet, worin Gott um die Vernichtung der Feinde gebeten wird. Natürlich Altes Testament! Mit diesen Rachegefühlen habe ich einfach Mühe. Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Ich schlug nochmals auf, ohne hinzuschauen, etwas weiter hinten und begann zu lesen:
Es kamen aber etliche der Sadduzäer hinzu, welche bestreiten, dass es eine Auferstehung gebe, und fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: „Wenn jemandes verheirateter Bruder stirbt und kinderlos ist, soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen schaffen.“ Nun waren sieben Brüder. Und der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. Und der zweite nahm sie und der dritte, ebenso aber auch die übrigen der sieben. Sie hinterliessen keine Kinder und starben. Zuletzt starb auch die Frau. Die Frau nun – welchem von ihnen wird sie in der Auferstehung als Frau angehören? Die Sieben haben sie ja alle zur Frau gehabt. Da sprach Jesus zu ihnen: Die Söhne dieser Welt heiraten und werden verheiratet. Die aber, welche gewürdigt worden sind, jener Welt und der Auferstehung von den Toten teilhaft zu werden, heiraten nicht und werden nicht verheiratet. Sie können ja auch nicht mehr sterben; denn sie sind Engeln gleich und sind Söhne Gottes, indem sie Söhne der Auferstehung sind. Dass aber die Toten auferweckt werden, hat auch Mose bei der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, indem er den Herrn „den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ nennet. Gott aber ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen.
Was wollte mir die Geschichte sagen? Sie stellte mir einen gewissen Trost dar. Sie können nicht mehr sterben, denn sie sind Kinder Gottes. Und noch etwas sprang mir ins Auge: Jesus sagte, sie sind Engeln gleich. Warum wehre ich mich dagegen, an Engel zu glauben, wenn Jesus ja selbst sagt, dass es sie gibt. Nach dem Sterben hier auf Erden ist man einem Engel gleich. Also brauchen wir doch gar nicht Angst zu haben vor dem Tod. Da müssen wir ja alle durch.
Ich ass mein Frühstück fertig. Noch blieben mir zehn Minuten bis das Tram fuhr. Ich holte eine andere Bibel, nur das Neue Testament. Neben der brennenden Kerze (im Engelbuch stand, dass Engel Kerzen mögen) schlug ich auf, ohne zu schauen wo. Ein leichter Schauer erfasste mich, als ich genau die gleiche Geschichte zu lesen begann. Ich hatte mir die Bibelstelle vorher nicht gemerkt. War ein Engel bei mir? Konnte ich in dieser Stelle Trost lesen? Ich entschloss mich, jetzt einmal zu gehen, packte meinen Rucksack auf den Buckel und ging.
Unsere Wanderung begann in Meiringen. Dort konnten wir unser Rucksäcke einem Taxi anvertrauen, der es nach Guttannen brachte. Den Fotoapparat, etwas zu Trinken und die Windjacke für die Aareschlucht nahm ich heraus.
Auf dem Weg bis zur Schlucht kam ich mit Lydia ins Gespräch. Ich erzählte ihr, dass es meiner Mutter gar nicht gut gehe. Und ich selber wisse, gar nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich erzählte ihr, dass ich gestern noch lange an ihrem Bett gesessen habe und mir so hilflos vorgekommen sei. Ich wüsste nicht einmal ein Gebet, was ich beten sollte, geschweige denn was ich sonst tun könnte. Und dass ich das ganze einfach nicht wahrhaben wollte. Lydia arbeitete im Spital lange Zeit mit todkranken Kindern und sie sagte, dass Kinder eine ganz natürliche Art hätten, dem Tod zu begegnen. Die Kinder würden die Engel sehen, die sie abholen kommen und dies auch ganz natürlich schildern. Sie erzählte von einem krebskranken vierzehnjährigen Knaben, den sie immer wieder an den Tropf hängen sollte. Dieser Junge habe ihr schon erzählt, welcher Engel ihn holen würde. Er wusste anscheinend genau Bescheid. Er selber hätte keine Angst gehabt, aber seine Mutter habe ihn nicht loslassen können. Sie sei immer bei ihm gewesen, habe ihn begleitet, im Rollstuhl gebracht oder sogar mit der Tragbahre. So habe Lydia einmal der Kollegin gesagt, sie solle mit der Mutter ins Kaffee gehen, während sie selber mit dem Jungen in ein Behandlungszimmer ging. Dort habe sie dann zusammen mit dem Jungen geredet und gebetet und den Engel gebeten, dass er kommen solle. Und der Junge sei mit ihm gegangen während die Mutter im Kaffee war.
Inzwischen waren wir vor der Aareschlucht angekommen. Ich selber war noch nie dort. So gewaltige Felsen, Schluchten und Höhlen faszinieren mich seit eh. Man kommt sich immer so unendlich klein und winzig und ein langes Menschenleben wie ein Nichts vor, wenn man sich vorstellt wie lange Wasser fliessen musste, bis es sich so tief in den harten Fels eingefressen hat. Kein Sonnenstrahl dringt mehr bis hierher.
Düster und feucht ist diese Engnis, wo man manchmal fast beide Wände berühren könnte. Weiter vorn öffnet sich die Schlucht etwas mehr und dort schienen sogar helle Sonnenstrahlen ins Dunkel herunter. Ich probierte ein- zwei Fotos zu machen. Die Einen von der Gruppe waren mir dadurch etwas voraus. Andere verweilten weiter hinten etwas länger. So war ich allein auf dem schmalen Steg. Plötzlich war der Gedanke in meinem Kopf, dass der Tod auch als so ein Engnis, ein Tunnel oder eine Schlucht bezeichnet wurde. Und die Vorstellung, dass meine Mutter nun eben auch davor stand, durch eine solche Schlucht zu gehen, liess mich nicht los. Eine grosse Traurigkeit legte sich auf mich. Wassertropfen lenkten aber meine Aufmerksamkeit auf sich. Wassertropfen, die von oben herunterfielen. Von hier sah man den Himmel nicht, aber wenn man nach oben blickte, sah man Gräser und Farne, welche auf den Felsen wie angeklebt wuchsen, in wunderschönem durchsichtigen Hellgrün im hellem Licht erstrahlen. Und grosse Tropfen fielen von oben herunter. Nur sie beschienen von der Sonne, glänzend wie Diamanten hoben sie sich von der grauen Felswand gegenüber ab wie Sternschnuppen die herunterfielen. Aber auch kleinere Tröpfchen kamen dahergeschwebt. Weil sie leichter waren, tanzten sie viel langsamer herunter. Fast wie ein Vorhang von winzigen Seifenblasen, der vor meinen Augen herunterglitt. Ein solches Wunder! Jetzt glaube ich, dass mich dort ein Engel berührt hat. Ich musste vor lauter Ergriffenheit weinen. Oder war es die Traurigkeit. Was dachten wohl die Leute, die mich kreuzten. Man musste sich manchmal sogar ganz an den Fels drücken, um die Leute vorbeizulassen. Aber mir war alles egal. Ich schritt weiter. Sie war noch nicht zu Ende, die Schlucht. Manchmal wurde sie weiter und mehr Sonne schien herab, dann wurde sie wieder enger, unten ganz ruhig immer die Aare. Plötzlich wurde ich gewahr, dass ich an einem Ort stand, der mir bekannt vorkam und gleichzeitig wusste ich von wo. Es war in einem Traum. Es war jener Traum zwei Tage nachdem Werner gestorben war. Dieser Traum war für mich so symbolisch gewesen. Es war genau wie jetzt, mein Weg ging einer Felswand entlang, unter mir in etwa gleicher Höhe wie jetzt das Wasser. Allein hier hatte ich einen festen Pfad unter den Füssen. Im Traum jedoch stürzte der Weg unter mir ab und ich probierte dem Fels entlang weiter zu hangeln. Aber ich stürzte ab. Mein Gedanke: nur für einen Moment nicht zu atmen, während man unter Wasser ist. Aber untergehen kann man nicht, es trägt einem von selber wieder hinauf. Die Botschaft, die ich dort aus dem Traum nahm: Man geht nicht unter. Und nun stand ich da in der Schlucht, die mich symbolisch an den Tod erinnerte und der Traum, der unmittelbar mit dem Tod etwas zu tun hatte. Der Pfad aber, auf dem ich ging, war fest. Er führte hindurch durch die Schlucht. Er führte dort nach vorn, wo das helle glänzende Licht herkam. Es war ein Föhntag und das Licht, welches vom Ende der Schlucht hereinleuchtete war brillant und klar. In Gedanken sagte ich zu meiner Mutter: komm mit mir, wir gehen dorthin, wo es hell ist und warm. Dort wo Ruhe ist und Frieden. Wo Liebe ist und Freude. Und die Schritte von meinen Wanderschuhen hallten auf den Holzbrettern und dröhnten mir in den Ohren. Weinend setzte ich Fuss vor Fuss und es kam mir fast endlos vor. Ich glaube es ist mir dort niemand begegnet. Jedenfalls habe ich niemanden wahrgenommen. Wo waren die Andern? War ich die Letzte?
Aber einige warteten bei der Abzweigung nach dem Kiosk, wo die Ersten schon hinuntergegangen waren um einen Picknickplatz zu suchen. Einige kamen auch erst hinter mir aus der Schlucht. Beim Picknickplatz war eine schöne Wiese. Sattgrün glänzend im föhnigen Sonnenschein. Direkt am Fluss. Dort war unser Rastplatz, halb im Schatten einer grossen Weide. Das Wasser einladend, um die Füsse zu baden. Ich war noch so überwältigt von meinen Eindrücken in der Schlucht, dass ich mich nicht zu den andern setzen konnte. Ich musste allein sein. Ich setzte mich auf einen grossen Stein zuäusserst am Wasser, rieb mich mit Sonnenschutz ein und wusste nicht, was ich denken sollte. Ich sass da auf dem Stein und erinnerte mich an die Übung vor etwa zwei Wochen: Verbunden mit der Erde auf dem Stein. Das Wasser vor mir, das Lebendige. Ich nahm wahr, dass es von hier, diesem schönen Ort herkam und durch die Schlucht floss, die ich eben durchquert hatte. Es besteht eine lebendige Verbindung zwischen beiden Seiten! Der Wind, das Element Luft streichelte meine Wangen und die Sonne, das Feuer wärmte meine Haut. Das Totenbuch der Tibeter hatte ich begonnen zu lesen, zwar noch nicht sehr viel. Aber darin stand wie ich mich jetzt erinnerte, dass wenn der Tod eingetreten sei sich zuerst die Erde auflöse. Sie werde vom Wasser aufgelöst. Das Feuer löse das Wasser ab und die Luft dann das Feuer. Das Feuer aber werde vom Raum abgelöst. Welche Beziehung hat wohl der Raum zu den vier Elementen. Raum, was ist das? Direkt über dem Einschnitt der Schlucht hatte sich eine kleine Wolke gebildet. Eher wie ein Dampf. Unaufhörlich änderte sie ihre Form. In der Ausdehnung, in der Dichte, im Aussehen. Könnte man darunter ‘Raum’ verstehen? Und überhaupt bemerkte ich, dass diese Wolke sich total von den andern Wolken am Himmel unterschied. Diese hatten alle mehr oder weniger ihre feste Form und Farbe und wechselten bei weitem nicht so schnell ihr Aussehen wie diese, ‘meine’ kleine Dunstwolke hier. Ich war so erschüttert und von Emotionen überschwemmt, ich hätte auch absolut annehmen können, dass dies der letzte mir zugesandte Gruss von meinem Mueti hätte sein können. Eigentlich war ich überzeugt, dass in Guttannen die Message auf mich wartete, vor der ich mich scheute: dass die Mutter heute um die Mittagszeit gestorben sei. Wir wanderten mit unserm leichten Gepäck die vier Stunden durch den Sonntag bis nach Guttannen. Dort erwartete uns ein freundlicher Wirt, ein feines Nachtessen und ein hübsches Zimmer. Aber keine Nachricht. Der Zustand sei unverändert sagte Regula. Der Doktor sei heute dagewesen. Er meine auch, dass es ein Schlegli gewesen sein könnte. Aber man könne nicht sagen, wie lange es noch dauern könne. Es könnte einen Tag gehen oder es könnte eine Woche gehen. Er habe auch gemeint, dass er einen Tropf anschliessen würde um Flüssigkeit zuzuführen. Er würde es auch machen, wenn es seine Mutter wäre. Aber die Stationsschwester meinte, mit dem Stechen würde man sie nur noch mehr quälen und das Leiden hinauszögern.
Ich ging zwar bald nach dem Nachtessen zu Bett, aber schlafen konnte ich nicht. Ich war ein Feigling. Ich wich dem aus, was unbequem und fremd war. Weil ich mich hilflos fühlte. Aber ich wollte kein Feigling sein. Hatte ich heute den Weg durch diese Schlucht so nahe erlebt, als ob ich in Gedanken zusammen mit meiner Mutter durch dieses Engnis gegangen wäre, war dies wohl die Aufforderung es in Wirklichkeit zu tun. Jetzt musste ich mich aber beeilen. Wenn sie keine Flüssigkeit mehr erhielt und sie hatte sie ja selbst so eindeutig verweigert, würde nicht mehr viel Zeit übrig bleiben.
Nach dem Morgenessen verabschiedete ich mich von meinen Freunden. Ich wusste jetzt, was ich tun musste. Ich wollte meine Mutter durch die Schlucht begleiten. Es hat in der Schlucht einen Steg, der ganz hindurch führt bis zum Fluss.
Nachdem die Andern abmarschiert waren, blieb mir noch fast eine Stunde, bis mein Postauto fuhr. Die Haltestelle war direkt bei der Kirche. Ich sah nach und stellte fest, dass diese schon offen war. Leise setzte ich mich in eine Bank und nahm dort ein Gesangbuch zur Hand und begann ein Lied zu lesen. Wie sprachen mich diese Worte doch wieder an:
Fortgekämpft und fortgerungen, bis zum Lichte durchgedrungen muss es, bange Seele , sein.
Durch die tiefsten Dunkelheiten, kann dich Jesus hinbegleiten; Mut spricht er den Schwachen ein.
Bei der Hand will er dich fassen; scheinst du gleich von ihm verlassen, glaube nur und zweifle nicht.
Bete, kämpfe ohne Wanken; bald wirst du voll Freude danken, bald umgibt dich Kraft und Licht.Bald wir dir sein Antlitz funkeln; hoffe, harre glaub im Dunkeln. Nie gereut ihn seine Wahl.
Er will dich im Glauben üben; Gott, die Liebe, kann nur lieben; Wonne bald wird deine Qual.
Weg von aller Welt die Blicke, schau nicht seitwärts, nicht zurücke, nur auf Gott und Ewigkeit.
Nur zu deinem Jesus wende Aug und Herz und Sinn und Hände, bis er himmlisch dich erfreut. Aus des Jammers wilden Wogen hat dich oft herausgezogen seiner Allmacht treue Hand.
Nie zu kurz ist seine Rechte; wo ist einer seiner Knechte, der bei ihm nicht Rettung fand?Schliess dich ein in deine Kammer, geh und schütte deinen Jammer aus in Gottes Vaterherz.
Kannst du gleich ihn nicht empfinden, Worte nicht, nicht Tränen finden, klage schweigend deinen Schmerz.
Kräftig ist dein tiefes Schweigen; Gott wird sich als Vater zeigen; glaube nur, dass er dich hört.
Kannst du selber nicht mehr beten, so will Jesus dich vertreten, und sein Bitten wird gewährt.
Darum so will ich nicht verzagen, mich vor Gottes Antlitz wagen, komm ich um, so komm ich um.
Doch ich werd ihn überwinden; wer ihn sucht, der wird ihn finden und bleibt Gottes Eigentum.
Kannst du selber nicht mehr beten, so will Jesus dich vertreten und sein Bitten wird gewährt! Das war doch wieder so eine schlagende Antwort! Habe ich nicht gestern zu Lydia gesagt, dass ich nicht einmal wüsste, was ich beten sollte? Meine Hilflosigkeit in dieser Situation – Gott wird sich als Vater zeigen, glaube nur, dass er dich hört. Ja er hat mich gehört.
In Meiringen telefonierte ich Regula. Ich wisse jetzt, was ich tun müsse. Ich sei etwa um drei Uhr im Rotacher. Gut, dass sie ihr Handy bei sich hatte.
Zuhause nahm ich meine Zahnbürste aus dem Rucksack, packte ein Nachthemd und frische Wäsche ein und holte den Schlafsack aus dem Keller. Der Rest vom Rucksack blieb breit im Gang liegen, das konnte warten bis später.
Anteilnehmend begrüsste mich Regula. Sie meinte, dass ich sicher Angst gehabt hätte, dass ich zu spät käme. Aber eigentlich war ich gar nicht so sehr beunruhigt. Eigentlich wollte ich es noch immer einfach nicht wahrhaben. Sorgfältig gebettet lag die Mutter in ihren Kissen. Die Augen waren geschlossen und ich meinte, dass sie seit Samstag doch sehr abgegeben habe. Noch mehr eingefallen. Vom Tod gezeichnet war mein erster Gedanke. Hatte sie gewartet, bis ich da war? Hörte sie mich wohl, als ich sie begrüsste. Ich setzte mich an ihr Bett und nahm ihre Hand in meine. Jetzt war sie nicht mehr heiss, wie am Samstag. Auch war ich gar nicht mehr sicher, ob da nun ein kleiner Gegendruck da war oder nicht. Sie atmete regelmässig und es sah aus, als ob sie ruhig schlafen würde. War es Bewusstlosigkeit? Die Hand halten konnte ich ihr. Vielleicht spürte sie dadurch, dass sie nicht allein war. Ihr in Gedanken sagen, dass sie nicht Angst haben müsse, sich auf den Weg zu machen, der vor ihr liege. Ihr sagen, dass ich sie lieb habe. Dass ich sie aber auch gehen lassen wolle. Dorthin, wo dieses wunderbare Licht sei, das einem warm umfange, wenn man aus der dunkeln Schlucht herauskomme.
Bald kamen die Schwestern, um die Mutter umzulagern. Von der linken wieder auf die rechte Seite. Für sie war dies offensichtlich eine riesige Anstrengung. Der Atem ging stärker und beruhigte sich erst mit der Zeit wieder. Ab und zu entrang sich der Brust ein tiefer Seufzer. Ausatmen heisst loslassen. Diese Ausatmungsübungen in meinen Yogastunden bedeuten auch immer Loslass-Übungen. Also muss auch das Loslassen seine Zeit haben. Plötzlich musste sie niesen. Dann verzerrte ein Gähnen das Gesicht. Aber es war nicht ein entspannendes Gähnen. Plötzlich war der Mund voll gelblicher Gallenflüssigkeit. Gestern Nachmittag hatte sie schon erbrechen müssen. War dies vielleicht von der Anstrengung des Umlagerns? Darum hatte man ihr auch eine grosse Serviette aufs Kissen gelegt. Die Schwester reinigte mit einem Stäbchen wieder die ganze Mundhöhle mit frischem Wasser und langsam beruhigte sich auch der Atem wieder ganz.
Nun war es Zeit, dass die beiden andern Frauen im Zimmer ihr Nachtessen erhielten. Nur Frau Kaspar konnte im Stübli zusammen mit andern Pensionären essen. Sie konnte nur nicht mehr allein aufstehen. Sie war auch die Einzige, welche noch ganz klar im Kopf ist. Die beiden Andern waren auf Hilfe beim Essen angewiesen. Therese Guggenbühl sowieso. Ihr Zustand definiere ich für mich als eine Seele, die im Körper gefesselt ist. So verspannt mit angezogenen Beinen liegt sie im Bett, die Augen zur Decke gerichtet, wenn sie nicht schläft, unfähig sich zu bewegen. Vor sechs Jahren, als die Mutter ins Heim kam, konnte sie noch zwei drei Worte sprechen, aber dort musste man sie schon füttern und besorgen wie ein Baby. Aber die Schwestern waren so geduldig und lieb. Auch sprachen und plauderten sie mit den Frauen. Hätte man nicht gewusst, dass sie total dement wären, als Zuhörer allein wäre man nicht auf diese Idee gekommen. Auch wenn sie saubergemacht werden, wird immer vorgewarnt. ‘Jetzt wird es kalt’ oder irgend etwas in der Art. In diesem Krankenheim haben die Patienten wirklich eine sehr liebenswürdige Betreuung. Gut, schwarze Schafe gibt es zwar auch hier, wenn ich an den Empfang am Samstag denke.
Obwohl ich nur dasass und gar nichts machte, verging die Zeit doch recht schnell. Regula war dieses Phänomen auch schon aufgefallen. Schon war es acht Uhr und leise kam Regula noch einmal vorbei und brachte mir Orangensaft und in einem Tuppergeschirr frischgemachte Lauchwähe. Erst jetzt spürte ich, dass ich wirklich ein Loch im Magen hatte. Ich hatte heute im Zug nur ein Sandwich gegessen. Halb verstohlen und fast mit einem schlechten Gewissen verschlang ich die Hälfte dieser noch lauwarmen Köstlichkeit.
Könnte ich etwas vorlesen? Regula hatte der Mutter letzte Woche auch vorgelesen, obwohl sie nicht wusste, ob es ankommen würde. Ich nahm ein Buch, welches auf dem unteren Tablar ihres Beistelltisches stand, wo sie einige ihrer Bücher, die ihr sehr am Herz lagen verstaut hatte: „Es hället uuf“ stand darauf. Bald würde es aufhellen. Erlösung von Schmerz und Pein. Ob aller Traurigkeit war eine Hoffnung auf Licht nach der Dunkelheit. Noch immer sah ich das helle Licht vor mir, welches in die düstere Schlucht hineinschien. Ich probierte etwas zu lesen, nur leise für mich, aber es ging nicht. So sass ich einfach da und hielt Mutters Hand. Draussen wurde es Nacht und bevor die Nachtschwester ihre Schicht antrat, wurde die Mutter nochmals auf die andere Seite gebettet. Es war, wie wenn diese Seite ihr weniger Mühe bereitete. Bald ging ihr Atem schon wieder ganz leise und man hatte den Eindruck dass sie ganz ruhig schlief.
Etwas nach Mitternacht kam die Nachtschwester, weil Frau Kaspar geläutet hatte. Nachdem sie den Topf wieder versorgt hatte, fragte sie mich, ob ich einen Kaffee möchte. Wir müssten aber auf die vordere Station gehen, weil es nur dort eine Kaffeemaschine hatte. Also würde ich die Mutter einen Moment alleine lassen. Ich hatte mich am Abend noch mit Regula unterhalten und beratschlagt, ob wir für einen Moment zusammen an die frische Luft gehen sollten. Manche Sterbende würden nämlich gerade in dem Moment gehen, wo sich die Angehörigen einen Moment umwenden, vielleicht auf die Toilette gehen oder einen kurzen Moment einschlafen. Wir sind aber dann doch nicht nach draussen gegangen. Also ging ich mit der Schwester und liess der Mutter so die Gelegenheit. Die Tasse war noch nicht ausgetrunken, als schon wieder geläutet wurde und nach der Pflicht der Nachtschwester gerufen wurde. Aber als ich wieder ins Zimmer trat, hatte sich nichts verändert. Sie war immer noch ganz ruhig. Die Nachtschwester hatte sich nämlich schon die letzten beiden Nächte gewundert, als man ihr am Rapport mitteilte, dass es Frau Moser so schlecht ginge. In der Nacht wäre sie immer so ruhig gewesen. Deshalb war Regula am Samstag auch etwa um elf Uhr heimgegangen. Sie hatte mir auch ans Herz gelegt, ich solle einfach zu ihr heimkommen um etwas zu schlafen. Sie würde die Tür offen lassen und sie habe mir ein Nestchen bereitgemacht. Aber ich hatte mir jetzt vorgenommen, hier zu bleiben. Man hatte mir ja einen bequemen Sessel bereitgestellt, dessen Lehne man etwas verstellen konnte, um ein bisschen zu dösen. Die Nachtschwester sagte mir, dass ich mir ja kein Gewissen machen müsste, falls ich einschlafen würde. Es war nun etwa drei Uhr. Jetzt spürte ich trotz Kaffee einen leichten Kampf in mir, gegen den Schlaf anzukommen. Die letzte Nacht hatte ich, wenn es hochkam drei Stunden geschlafen. Und ich mag mich in meinem ganzen Leben nur an ein einziges Mal erinnern, dass ich länger als dreissig Stunden nicht geschlafen habe. Das war als Werner starb. Sonst holte sich mein Körper immer seinen Schlaf. Gut dass mich die Nachtschwester getröstet hatte. So hatte ich eigentlich kein schlechtes Gewissen, und ich döste tatsächlich etwa eine Stunde. Es war wirklich schnell vier Uhr geworden und bald begann der Morgen zu grauen. Die Mutter schlief immer noch ganz ruhig und bevor sie die letzte Runde zum Umlagern antrat, bot mir die Nachtschwester nochmals einen Kaffee an, den ich auch diesmal gerne annahm. Sie hatte noch Dienst bis um sieben Uhr, dann war Rapport und sie kam nochmals vorbei um sich bei mir und der Mutter zu verabschieden.
Mit der neuen Schicht war nun auch die Mutter an der Reihe, dass sie wieder umgelagert werden musste. Auf die rechte Seite. Auf dieser Seite hatte sie seit Montag am Ohr eine wunde Stelle, so dass man ein Kissen gebracht hatte mit einem Loch in der Mitte, so dass das Ohr nicht aufliegen musste. Diese Umbetterei musste eine unwahrscheinliche Anstrengung gewesen sein, denn als ich mich wieder ans Bett setzte, war sie ganz ausser Atem. Es war wie wenn man aufs Tram rennt, wenn man noch zweihundert Meter von der Station entfernt ist und das Tram schon um die Ecke biegt. Hat es gereicht, sitzt man dann etwa so schwer atmend fix und fertig da. Diesmal konnte sie sich aber einfach nicht mehr beruhigen. Ich kniete mich neben sie ans Bett und hielt mit der einen Hand ihre Hand und mit der andern strich ich ihr beruhigend übers Haar. Seltsam, sie die mir als Erste auf dieser Welt übers Haar gestrichen hatte, ich durfte ihr ein letztes mal auf ihrem Erdendasein sanft übers Haar streicheln. Sanft hob ich ihre Hand, wie um sie dem Engel anzubieten, der sicher ganz nah bei uns stand. Ich bat ihn, die Mutter doch bei seiner Hand zu nehmen und sie hinüber zu bringen, wo Licht und Friede sei. Stossweise atmete die Mutter aus. Fast war mir, als wolle sie bei jedem Atemzug, den sie aus ihren Lungen presste etwas sagen. Es tönte wie: Ja – Ja. Jeder Atemzug, der losliess, der Leben aushauchte. Sachte nahm ich ihren Kopf in den Arm und tröstete sie. Bald wirst Du im Licht sein. Dort wo kein Schmerz ist und kein Weh. Dort, wo Liebe ist und Glanz. Geh mit dem Engel mit und hab Vertrauen. Er bringt dich ans Licht. Plötzlich waren ihre Augen weit offen. Langsam wanderten die Augäpfel nach oben. Dann kamen sie langsam sich verändernd wieder zurück . Es war wie ein grosses Staunen auf ihrem Gesicht. Es war genau wie damals bei Werner. Dann stolperte der Atem, noch zwei oder drei tiefe Atemzüge entrangen sich der Brust, dann war es still. So unheimlich still. Die Augen sahen so seltsam leer aus. Überhaupt, das ganze Gesicht war irgendwie leer. Wirklich wie ein leeres Gefäss. Nachdem ich geläutet hatte, schloss ich meinem Mueti die Lider. Die Schwester kam herein. Sie streichelte auch nochmals über die nun schnell weisser werdenden Wangen. Dann holte sie sich ein Stethoskop und horchte nochmals an der Brust, während es leise an die Tür klopfte. Regula war gekommen. Erschrocken weiteten sich ihre Augen, als ihr Blick auf die Mutter fiel. „Gerade vor zwei Minuten ist sie gegangen!“.
Ich half der Schwester, den toten Körper auf den Rücken zu betten. Ein letztes mal fuhr ich ihr durch ihre weissen Haare. Die Schwester rollte ein Frottiertuch ganz eng zusammen und schob es unters Kinn. Zwar störte mich dieses Bild, aber es muss scheins sein. Stumm setzte ich mich an ihr Bett. Die Schwester kam nochmals herein. Sie hatte unten im Garten von den rosaroten Rosen, welche ich zusammen mit der Mutter so oft bewundert hatte, einen Strauss gepflückt und legte sie unter den Händen der Mutter aufs Deckbett. Die Mutterhände inmitten von rosa Rosen. Dieses Bild gefiel mir besser und es ist mir auch als letzte Erinnerung haften geblieben.
Als Regula gesehen hatte, dass ich nicht zum Schlafen gekommen war, fuhr sie los, um mich abzulösen. Aber ich glaube nun ganz fest, dass mich die Mutter dort in der Aareschlucht gerufen hat. Sie wollte, dass ich bei ihr sei. Ob nun ihr Engel meinem Engel diese Kunde überbracht hat … Ich glaube, dass in dieser Woche für mich diese beiden Welten ganz nahe zusammengekommen sind. Ich habe erlebt, dass auch Sterben ein grosses Wunder ist. Und um in diesem Wirbelsturm von Gefühlen und Emotionen ein bisschen Ruhe hineinzubringen, habe ich versucht, das für mich so Wundersame aufzuschreiben.
